Ein konzeptioneller Rahmen für den Umgang von Kindern mit Large Language Models
Large Language Models (LLMs) werden von Kindern zunehmend als dialogische, scheinbar soziale Gegenüber wahrgenommen. Anthropomorphe Gestaltungselemente fördern Engagement und Vertrauen, begünstigen jedoch Formen der Selbstoffenbarung, die mit klassischen Privatsphärenkonzepten unzureichend erfasst werden.
Wir entwickeln eine mediendidaktische Perspektive, in der Privatsphäre als pädagogische Beziehungskategorie verstanden wird. Aufbauend auf Nissenbaums Contextual Integrity Framework und dem Konzept des Calibrated Trust entsteht ein konzeptioneller Rahmen.
Der konzeptionelle Rahmen integriert etablierte Konzepte aus Privatsphärenforschung (Nissenbaum, 2010), Vertrauensforschung (Lee & See, 2004; Choung et al., 2023) und Anthropomorphismus-Studien (Festerling & Siraj, 2022) in einen kohärenten mediendidaktischen Rahmen.
Der konzeptionelle Rahmen bietet konkrete mediendidaktische Gestaltungsprinzipien für Lehrpersonen, Bildungsinstitutionen und Entwickler*innen von KI-gestützten Lernumgebungen zur Förderung von Privatsphärenkompetenz bei Kindern.
Privatsphäre als kontextuell angemessener Informationsfluss im Zusammenspiel von Kind, KI-System und pädagogischem Kontext
Abbildung 1: Konzeptioneller Rahmen pädagogischer Privatsphäre in KI-gestützten Lernumgebungen. Klicken zum Vergrößern.
Lernende Person mit individuellen Erfahrungen, Entwicklungsstand und Privatsphärenbedürfnissen
Technisches System mit anthropomorphen Eigenschaften, das dialogische Interaktion ermöglicht
Institutioneller Rahmen mit Lehrpersonen, Aufgaben und didaktischen Entscheidungen
Privatsphäre entsteht im Beziehungsgefüge zwischen Kind, System und pädagogischem Kontext durch drei relationale Dimensionen
Nach Nissenbaums Contextual Integrity Framework: Informationsflüsse sind nur im Verhältnis zu sozialen Normen und Erwartungen bewertbar.
"Was darf/soll ich hier teilen?" – Die Angemessenheit von Informationsweitergabe hängt vom Kontext ab (Schule vs. Zuhause vs. Öffentlichkeit).
Abbildung 2: Kontextrelationale Dimension – Privatsphäre als kontextabhängige Norm
Basierend auf Calibrated Trust: Vertrauen ist angemessen oder fehlkalibriert, abhängig vom Verhältnis zwischen wahrgenommenen und tatsächlichen Systemfähigkeiten.
"Kann ich dem System vertrauen?" - Anthropomorphe Gestaltung kann zu Übervertrauen (Over-Trust) führen, wenn Kinder das LLM als soziales Gegenüber mit menschlichen Fähigkeiten wahrnehmen.
Abbildung 3: Vertrauensrelationale Dimension - Kalibrierung von Vertrauen
Didaktische Gestaltung als strukturierender Faktor: Lehr-Lern-Settings strukturieren die Kind-KI-Beziehung aktiv mit.
"Welche Offenlegung wird angeregt?" – Aufgabenformate, Rahmung und Reflexionsanlässe beeinflussen, welche Informationen Kinder mit LLMs teilen.
Abbildung 4: Pädagogisch-relationale Dimension – Didaktische Rahmung
Aus dem konzeptionellen Rahmen abgeleitete Prinzipien für die Gestaltung von LLM-basierten Lernumgebungen
Transparenz über Datenflüsse, Systemgrenzen und technische Funktionsweise des LLMs
Gestaltung von Lernaktivitäten zur expliziten Thematisierung von Vertrauen
Rahmung von Privatsphärenbildung als reflexive Aushandlung von Beziehungen und Datenpraktiken
Nissenbaum, H. (2010). Privacy in context: Technology, policy, and the integrity of social life. Stanford University Press. https://doi.org/10.1515/9780804772891
Lee, J. D., & See, K. A. (2004). Trust in automation: Designing for appropriate reliance. Human Factors, 46(1), 50–80. https://doi.org/10.1518/hfes.46.1.50_30392
Choung, H., David, P., & Ross, A. (2023). Trust in AI and its role in the acceptance of AI technologies. International Journal of Human–Computer Interaction, 39(9), 1727–1739. https://doi.org/10.1080/10447318.2022.2050543
Festerling, J., & Siraj, I. (2022). Anthropomorphizing technology: A conceptual review of anthropomorphism research and how it relates to children's engagements with digital voice assistants. Integrative Psychological and Behavioral Science, 56(3), 709–738. https://doi.org/10.1007/s12124-021-09668-y
Peter, S., Riemer, K., & West, J. (2025). The benefits and dangers of anthropomorphic conversational agents. Proceedings of the National Academy of Sciences, 122(22), e2415898122. https://doi.org/10.1073/pnas.2415898122
Kumar, P. C., & Byrne, V. L. (2022). The 5Ds of privacy literacy: A framework for privacy education. Information and Learning Sciences, 123(7/8), 445–461. https://doi.org/10.1108/ILS-02-2022-0022